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Aus einer Stadt vor unserer Zeit

Es mag nie ein besonders prachtvoller Bau gewesen sein. Aber von glanzvollen Zeiten, die das heute arg in die Jahre gekommene Südwest-Stadion in Süd erlebt hat, kann man sicherlich sprechen. Für den stellvertretenden Leiter des Stadtarchivs, den Historiker Klaus-Jürgen Becker, spiegelt sich in seiner Geschichte die gesellschaftliche Entwicklung.

 

Das einzige Geräusch weit und breit macht der Rasenmäher, den ein Mann über das Gelände fährt. Auch die für das nächste Leichtathletik-Training aufgebauten Hürden zeugen von Leben. Das soll aber auch schon alles gewesen sein. Hinter der offenen Tür zur Tribüne mit dem Schild „Abgang D“ gammelt eine Bananenschale vor sich hin. Die Sitzstufen werden allmählich von der Natur vereinnahmt, Steinbrocken liegen herum. Der blaue Lack am Tunnel, durch den man das Südwest-Stadion betreten kann, weicht allmählich braunem Rost. Von der Mauer bröckelt der Putz. Erinnerungen werden wach: an ein Grönemeyer-Konzert 2003 und an den bisher letzten Termin hier, eine Begegnung mit Waldhof-Urgestein Klaus Schlappner („Schlappi“), seit der jetzt auch schon wieder vier Jahre vergangen sind. An einem derart stillen Ort fällt die Vorstellung schwer, dass hier 90.000 Menschen jubelten, feierten, weinten, schimpften – eben all das taten, was man in einem Fußballstadion tut. Vielleicht sogar mehr, rund 100.000, könnten das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft 1951/52 verfolgt haben, berichtet am Abend der stellvertretende Leiter des Stadtarchivs, Klaus-Jürgen Becker, in einem Vortrag vor Senioren im Café Alternativ im Hemshof. „Das war schon relativ abenteuerlich“, erinnert er an jenen 22. Juni 1952, an dem der VfB Stuttgart 3:2 gegen den 1. FC Saarbrücken gewann. „Es gab Wellenbrecher, aber keinen Zaun in Richtung Rasen. Da wurden auch mal Glasflaschen geworfen. So gut, wie wir immer denken, war die gute alte Zeit gar nicht.“

Nicht nur in sportlicher Hinsicht ist dieses Spiel ein besonders interessantes, auch in historischer. Das Saarland, führt Becker aus, war damals ein autonomer Staat. Weil Frankreich beide Augen zugedrückt hatte, durfte es um die deutsche Meisterschaft mitspielen. In Bergmanns-Klamotten zogen die Teilnehmer eines Umzugs vor dem Spiel durchs Stadion: „Das Saarland grüßt euch“, steht auf einem Schild, das auf einer Fotografie aus Beckers Fundus zu sehen ist. Weil sie mit ihren französischen Scheinen und saarländischen Münzen nicht weit kamen, mussten die Besucher Geld umtauschen: Ein schlechter Wechselkurs für die saarländischen Gäste bedeutete ein gutes Geschäft für die Ludwigshafener Kneipen.

Die Geburtsstunde des Südwest-Stadions schlug 1940. Durch die laut Becker „mehr oder weniger freiwillige“ Eingemeindung sämtlicher Vororte – mit Ausnahme Ruchheims, das sich damit bis 1974 Zeit lassen sollte – war Ludwigshafen zwei Jahre zuvor zur Großstadt geworden. In „Groß-Ludwigshafen“, zwischen der Mundenheimer- und der Saarlandstraße, war nun eine Fläche vorhanden, auf die man, dem Wunsch von Gauleiter Josef Bürckel entsprechend, ein Stadion stellen konnte. „Alle Arbeitersportvereine waren 1933 verboten worden“, sagt Becker. „Die hatten auch eine völlig andere Zielsetzung: dass alle gemeinsam loslaufen und gemeinsam ins Ziel kommen. Dass einer der Schnellste sein sollte, war ein völlig neuer Denkansatz.“

Auf einem Gelände, auf dem wilde Müllkippen bereits zu diesem Zeitpunkt für einen (wie heute) recht problematischen Untergrund gesorgt hatten, entstand die Anlage – und wurde, wegen ihrer Nähe zum Chemieunternehmen Giulini, 1945 weggebombt. Aus Mannheimer Trümmerschutt wurde das neue Stadion erbaut; Oberbürgermeister Valentin Bauer weihte es 1950 ein. Der Rest ist Geschichte – vielmehr: Es sind viele Geschichten, Erinnerungen an große Ereignisse, an Fußballspiele von Kaiserslautern und Waldhof, an Pop- und Rockkonzerte, Turnfeste, Radrennen, Katholikentage, Schulveranstaltungen. Der Niedergang, glaubt Becker, korrespondiert mit dem Aufstieg des Fernsehens. Natürlich habe es danach noch große Ereignisse gegeben. Aber so große wie jenes Spiel mit 100.000 Zuschauern? Nie wieder.1950 ist das aus Mannheimer Trümmerschutt erbaute Südwest-Stadion, neben dem man gut die Raschigvilla erkennen kann, eingeweiht worden. Während Rasen und Tartanbahn einigermaßen in Schuss sind, sind die Tribünen ziemlich heruntergekommen.

Nicole Sperk, RHEINPFALZ, 11.06.2016

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